Warum manche Menschen eigentlich gar nicht abnehmen wollen (auch wenn sie sagen, dass sie es wollen)

Was, wenn Übergewicht nicht nur etwas mit Essen und Disziplin zu tun hat? In diesem Blogbeitrag geht es um die tieferen psychologischen Gründe, warum manche Menschen trotz großem Wunsch Schwierigkeiten haben abzunehmen. Von emotionalem Essen und Selbstschutz bis hin zu Identität, Scham und innerer Sicherheit - ein ehrlicher und mitfühlender Blick auf die emotionale Seite von Übergewicht.

Svetlana

5/30/20263 min lesen

Das klingt im ersten Moment vielleicht widersprüchlich.

„Wie kann jemand nicht abnehmen wollen, wenn er unglücklich mit seinem Körper ist?“

Aber nach Jahren voller Diäten, emotionalem Essen, Schuldgefühlen und unzähligen gescheiterten Versuchen liegt die Wahrheit oft viel tiefer als nur bei Kalorien und Disziplin.

Denn für viele Menschen ist Gewicht nicht einfach nur Gewicht.

Manchmal ist es Schutz.
Manchmal Identität.
Manchmal der einzige Bewältigungsmechanismus, den sie je hatten.

Und manchmal hat ein Teil von ihnen Angst davor, was passieren würde, wenn das Gewicht tatsächlich verschwindet.

Gewicht kann Teil der eigenen Identität werden

Wenn jemand seit der Kindheit oder Jugend in einem größeren Körper lebt, entwickelt sich oft auch die eigene Identität darum herum.

Man wird:

  • „die Lustige“

  • „die Unsichtbare“

  • „die Starke“

  • diejenige, die immer für andere da ist

  • die Person, die emotional möglichst wenig Raum einnimmt, weil sie das Gefühl hat, körperlich schon „zu viel Raum“ einzunehmen

Mit der Zeit wird das Körpergewicht eng mit Selbstwert, Beziehungen, Persönlichkeit und Sicherheit verbunden.

Und genau deshalb kann Abnehmen unbewusst Ängste auslösen wie:

  • Wer bin ich ohne diesen Körper?

  • Werden die Erwartungen an mich größer?

  • Was, wenn ich plötzlich sichtbar werde?

  • Was, wenn ich abnehme und mich trotzdem nicht liebenswert fühle?

  • Was, wenn Menschen mich plötzlich anders behandeln?

  • Was, wenn ich mich verändere — und mein Umfeld das nicht mag?

Diese Ängste werden selten laut ausgesprochen.
Oft sind sie den Menschen selbst nicht einmal bewusst.

Und trotzdem beeinflussen sie das Verhalten enorm.

Für manche Menschen fühlt sich Gewicht wie Schutz an

Besonders bei Menschen, die Erfahrungen mit:

  • Mobbing

  • Kritik

  • emotionaler Vernachlässigung

  • Trauma

  • sexuellen Übergriffen

  • instabilen Beziehungen

gemacht haben.

Zusätzliche Kilos können unbewusst zu einer Art emotionaler Schutzschicht werden.

Eine Möglichkeit:

  • sich weniger angreifbar zu fühlen

  • Aufmerksamkeit zu vermeiden

  • Distanz zu schaffen

  • sich „sicher“ zu fühlen

  • Gefühle zu betäuben

Deshalb kann es passieren, dass jemand bewusst unbedingt abnehmen möchte — während ein anderer Teil des Nervensystems Gewichtsverlust mit Gefahr verbindet.

Und genau daraus entsteht oft dieser innere Kampf.

Essen erfüllt oft viel mehr als nur Hunger

Essen kann sein:

  • Trost

  • Belohnung

  • Stressabbau

  • emotionale Regulation

  • Ablenkung

  • ein Gefühl von Nähe

  • ein kurzer Moment von Ruhe

Deshalb reicht es oft nicht aus, einfach nur „weniger zu essen“, ohne gleichzeitig neue Wege zu lernen, mit Emotionen umzugehen.

Viele Menschen wissen eigentlich genau, wie gesunde Ernährung funktioniert — und kämpfen trotzdem.

Nicht weil sie faul oder undiszipliniert sind.

Sondern weil Essen eine wichtige Funktion erfüllt.

Die Angst, über die kaum jemand spricht

Manche Menschen haben nicht nur Angst davor zu scheitern.

Sie haben Angst davor, erfolgreich zu sein.

Denn Abnehmen kann bedeuten:

  • Grenzen zu setzen

  • Beziehungen zu verändern

  • sichtbarer zu werden

  • Aufmerksamkeit zu bekommen

  • verdrängte Gefühle zu spüren

  • zu erkennen, dass das Gewicht vielleicht nie das eigentliche Problem war

Und vielleicht die schwierigste Angst von allen:

„Was, wenn ich abnehme… und trotzdem unglücklich bin?“

Denn genau dieser Gedanke kann unglaublich schmerzhaft sein.

Nachhaltige Veränderung braucht mehr als ein Kaloriendefizit

Ja, Ernährung ist wichtig.
Bewegung ist wichtig.
Schlaf ist wichtig.

Aber nachhaltige Veränderung braucht oft auch:

  • emotionale Sicherheit

  • Selbstreflexion

  • Regulation des Nervensystems

  • Selbstmitgefühl

  • Arbeit an der eigenen Identität

  • Heilung von Scham

  • neue Bewältigungsstrategien

Denn echte Veränderung bedeutet nicht nur, einen Körper kleiner zu machen.

Sondern ein Leben aufzubauen, in dem man Essen, Gewicht oder Selbstsabotage nicht mehr als Schutz braucht.

Und das braucht Zeit.

Abschließende Gedanken

Ich glaube, unsere Gesellschaft vereinfacht Übergewicht viel zu sehr.

Die meisten Menschen mit Gewichtsproblemen haben kein Wissensproblem.
Sie wissen längst, was „gesund“ wäre.

Was oft fehlt, sind:

  • emotionale Unterstützung

  • Sicherheit

  • Stabilität

  • Mitgefühl

  • gesunde Bewältigungsmechanismen

  • das Gefühl, auch jetzt schon wertvoll zu sein

Manchmal geht es nicht darum zu lernen, weniger zu essen.

Sondern darum, sich sicher genug zu fühlen, um sich überhaupt verändern zu können.

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